Farbengeflüster am Bergsee

03.10.2026


Ein persönlicher Weg durch Farben und Natur

Ankommen am See

Manchmal führt mich mein Weg an einen Bergsee. Jeder Besuch ist anders. Mal liegt klares Licht auf dem Wasser, mal hängen Wolken über den Bergen, und manchmal steigt am frühen Tag feiner Dunst vom See auf. Ich kenne nicht nur einen solchen Augenblick. Es sind viele Erinnerungen, die sich in mir zu einem Bild verbinden.

Schon auf dem Weg dorthin merke ich, wie meine Schritte langsamer werden. Ich muss nirgendwo ankommen, um etwas zu erledigen. Ich darf stehen bleiben und schauen. Wenn sich der Blick auf das Wasser öffnet, bleibe ich oft ganz von selbst stehen.

Der See wirkt aus der Ferne still. Erst beim längeren Hinsehen entdecke ich die kleinen Bewegungen auf seiner Oberfläche. Ein Windhauch zieht darüber hinweg. Das Licht verändert sich, und mit ihm wechselt die Farbe des Wassers: vom hellen Blau zu einem Türkis, das zwischen den grünen Hängen besonders leuchtet.

Manchmal liegt weiter oben noch Schnee, während unten am Ufer bereits Pflanzen wachsen. Die Berge geben dem See einen festen Rahmen. Das Wasser bleibt in Bewegung. Beides gehört für mich zusammen: Halt und Veränderung.

Ich gehe ein Stück am Ufer entlang. Ich höre meine Schritte und das leise Wasser. Die Luft riecht nach Erde und Pflanzen. Zu Hause sind meine Gedanken oft schon beim Nächsten. Hier verlieren sie langsam ihre Eile. Ich atme tiefer ein und spüre den Boden unter meinen Füßen.

Wenn die Natur in Farben spricht

Ich schaue über das Wasser und frage mich, welche Farbe mich heute besonders anzieht. Ich möchte nicht sofort eine Bedeutung finden. Zuerst nehme ich nur wahr, wie die Farbe auf mich wirkt.

An manchen Tagen ist es das Türkis des Sees. Mein Blick folgt ihm bis zum anderen Ufer, und ich spüre, wie weit dieser Blick werden kann. An einem anderen Tag bleibe ich bei den erdigen Tönen der Berge oder beim Grün der Pflanzen. Vielleicht freue ich mich einfach an ihnen. Auch das darf genügen.

Die Farben der Landschaft bleiben nicht gleich. Auch ich komme nicht jedes Mal mit derselben Stimmung hierher. Deshalb gibt es für mich keine feste Antwort auf die Frage, welche Farbe heute die richtige ist. Ich frage mich lieber: Was sehe ich gerade besonders gern? Was berührt mich daran?

Mein Farbenmoment am Ufer

Ich suche mir einen Platz, von dem aus ich den See gut sehen kann, und bleibe eine Weile dort. Ich spüre die Luft auf meiner Haut und höre das Wasser. Der Weg hat meinen Körper in Bewegung gebracht; nun tut ihm die Pause gut.

In diesem einfachen Augenblick erkenne ich vieles von meinem Farbengeflüster wieder. Farbe ist überall um mich herum. Bewegung begleitet mich auf dem Weg. Im Duft von Erde und Pflanzen begegnet mir der Ort noch einmal auf andere Weise. Die Luft auf meiner Haut erinnert mich daran, achtsam mit mir umzugehen – an Pflege. Und Seelennahrung ist für mich heute die Zeit, in der ich aufmerksam sein darf und nichts leisten muss.

Ich muss die fünf Säulen nicht einzeln suchen. Am See erlebe ich, wie selbstverständlich Farbe, Bewegung, Duft, Pflege und Seelennahrung zusammenkommen.

Bevor ich gehe, schaue ich noch einmal über das Wasser. Vielleicht nehme ich die Erinnerung an eine Farbe mit nach Hause. Vielleicht schreibe ich später einen Gedanken auf. Vielleicht nehme ich mir beim nächsten Spaziergang wieder die Zeit, stehen zu bleiben.

Der See liegt noch immer vor mir, und doch sehe ich ihn anders als bei meiner Ankunft. Ich habe mir Zeit genommen, seine Farben wahrzunehmen. Dabei bin ich auch mir selbst ein wenig näher gekommen.

Welche Farbe zieht dich heute besonders an?

Genau so beginnt für mich Farbengeflüster: mit einem Blick, einem Atemzug und der Bereitschaft, zu spüren, was dieser Augenblick in mir berührt.

Manchmal wird es in mir still, wenn ich lange genug hinschaue.

Von Herzen
Margret van der Elst

Fotos: Margret van der Elst

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